Ein Brünner Monat

Tschechien wird sich 2019 als Gastland auf der Leipziger Buchmesse präsen-

tieren. Aus diesem Anlaß wurde das Stipendiaten-Programm "Ahoj Leipzig
Brno" aufgelegt, in dessen Rahmen fünf tschechische Autoren nach Leipzig
und fünf deutsche Autoren nach Brünn eingeladen wurden. Im Monat Oktober
ist Bernhard Setzwein Gast der mährischen Hauptstadt. Hier können Sie seinen
täglichen Blog lesen.



01 10
spielberg

Nach einer langen Anreise sehe ich heute von Brünn nicht viel mehr als die freilich
recht imposant in Szene und Licht gesetzte Festung Spielberg. Sie ist der krönende
Bildmittelpunkt in dem großen Panoramafenster, das fast die ganze Längsseite
der schönen Stipendiatswohnung einnimmt. Sie ist im obersten Stockwerk eines
Gründerzeit-Mietshauses in der
Veveři-Straße untergebracht, im Vordergrund,
vor der Festung, ein Park mit herrlichen, alten Bäumen und einer verwaisten
Tischtennisplatte.

Spielberg wacht über den Schlaf meiner ersten Nacht. Das nie grelle - auch bei
der Straßenbeleuchtung nicht -, leicht kupfrige Anstrahlelicht der Burg hat etwas
Heimeliges und kann doch nicht ganz vergessen machen, daß die Festung einer
der brutalsten "Völkerkerker" des Habsburger Reiches war. Vor allem Kaiser Jo-
hann II. begann damit, in den ausbruchssicheren Kasematten seine politischen
Gegner aus den immer schon separatistisch gesinnten Kronländern mehr oder
minder bei lebendigem Leib verfaulen zu lassen. Auch Franziskus Freiherr von
der Trenck, dessen mumifizierte Leiche in der Gruft der Brünner Kapuziner
liegt, war dort oben ein gutes Jahr eingesperrt. Aber das ist eine eigene Geschichte,
die in diesen Tagen sicher noch genauer zu erzählen sein wird, zumal von einem,
der lange in Waldmünchen gelebt hat, einer Stadt, die zu Trenck ein ganz be-
sonderes Verhältnis hat. Jedenfalls geht mir diese Geschichte schon heute
vor dem Einschlafen noch durch den Kopf.



02 10
wahlkampf in brünn


Es ist Wahlkampf in Brünn. In fünf Tagen wird der städtische Senat gewählt. Jan
Špilar kandiert für die tschechische Christ-Demokratische Volkspartei, weil er ist
nämlich nicht nur einer der bekanntesten Coiffeure - oder sollte ich besser schreiben
Hairdresser - Tschechiens, sondern auch Diakon an der St. Michaelskirche am
Dominikanerplatz. Zufällig komme ich an seiner Wahlkampf-Performance vorbei,
die weder Assoziationen an seine KDU-
ČSL-Mitgliedschaft nahelegt noch an sein
Diakonen-Dasein. Zu den ziemlich schrägen Klängen einer Punk-Sängerin schnei-
det er in demonstrativer Gelassenheit einer jungen Dame die Haare, was immer das
auch über sein politisches Programm aussagen mag (etwa "ich wasch Euch allen
den Kopf und scher Euch die Haare", was ja auch mal ein Bewerbungsslogan wäre).
Wenn man nun noch hört, daß seine Kandidatur von der Piraten-Partei unterstützt
wird, bekommt man langsam eine gewisse Ahnung davon, daß die politischen
Verhältnisse in Tschechien vielleicht nicht unbedingt mit unseren Maßstäben zu
messen sind.

Oder gilt das nur für die besondere Atmosphäre Brünns, die mir auch jetzt, bei
meinem vierten oder fünften Besuch in der Stadt, schon gleich beim ersten Herum-
flanieren in den Straßen auffällt. Hier ist das Zusammenleben irgendwie bunt,
jung und frisch, von einer offensichtlich ziemlich selbstverständlichen Toleranz
geprägt. Man sieht einen lachenden Benediktiner-Pater in seinem schwarzen Habit,
wie er sich mit einem Familienvater und dessen kleinen Sohn unterhält ebenso
wie den Punk und die feine Lady, die wieder einmal nicht weiß, wie sie ihren
Hausfrauen-Panzer, sprich SUV, parkieren soll, sie tut es schließlich mitten im
fließenden Verkehr in zweiter Reihe, und niemand regt sich auf.

Ich freue mich, daß ich dieses besondere Brünner Leben dieses Mal nicht nur
zwei, drei Tage, wie bei meinen bisherigen Aufenthalten, sondern einen ganzen
Monat lang betrachten darf. "Beobachten" schreibe ich bewußt nicht, weil das
soll es nicht sein. Will kein Beobachter, allenfalls ein Betrachter und Beschauer sein.
 

 


03 10
jan skacel kopf

So wie auch Jan Skácel ein menschenliebender Betrachter war, etwa in seinen
kleinen, ungemein feinen Feuilletons, die weniger bekannt sind als seine Gedichte,
aber nicht minder lesens- und bewundernswert. Lange, bevor ich Brünn das erste
Mal betreten habe, habe ich es auf eine gewisse Art schon gekannt. Weil ich Skácel
gelesen habe. Jahrelang war ihm das Publizieren verboten gewesen, heute ist er
Ehrenbürger der Stadt. Seine Gedichtverse zieren nicht nur einen Brunnen drunten
 in der Stadt, sondern sein Kopf steht nun auch oben auf dem Hügel der Festung
Spielberg, übrigens gar nicht weit entfernt von dem Weinberg, den man aus
Anschauungsgründen wieder angelegt hat, um auf die Historie des Weinanbaus
am Spielberg-Hügel hinzuweisen. Das wird den Wein-Liebhaber Skácel aber freuen!

Ihm mußte unbedingt mein erster längerer Spaziergang gelten. Sehr schöner Platz,
wo der Künstler
Jiři
Sobotka sein Werk aufgestellt hat: ein Kalksteinsockel, mit ein
paar Dichter
worten, darauf die Konstruktion aus Stahlrohren, die so geschickt
verschweißt sind, daß
sie die 3-D-Simulation von Skácels markantem Gesicht wieder-
geben. Der Kopf schaut
auf die unter ihm liegende Stadt. Wenn man hinter dem
Schädel steht, kann man durch die
Stahlrohre hindurch ebenfalls auf die Häuser
schauen, quasi mit Skácels Blick. Raffiniert!




04 10
kubitschek

Prof. Tomáš Kubíček lacht, als ich auf seine Frage hin, wie meine Anreise
nach Brünn gewesen sei, antworte, ich sei ja mit dem Auto gekommen, unter
anderem deshalb, weil ich zum Schreiben um mich herum immer meine Hand-
bibliothek brauche. Und die Kisten Bücher im Zug mitzunehmen, wäre wohl
schlecht möglich gewesen. Das mit der Handbibliothek versteht er auf der
einen Seite sehr gut, der Direktor der Mährischen Landesbibliothek (er ist ei-
ner der Mitorganisatoren des Austauschprogramms). Auf der andere Seite
meint er, ob ich es mir nicht hätte einfacher machen wollen, er habe hier,
wenn ich mich recht erinnere, so um die vier Millionen Bücher. Das dürfte als
Handbibliothek doch auch reichen. Und ich könne hier auch jederzeit arbeiten.
 Sei ja nun schließlich ein registrierter Benützer - mit Ausweis! - der Mähri-
schen Landesbibliothek. Alle seine Mitarbeiter stünden mir jederzeit zur
Verfügung. Im Lesesaal gebe es auch eigens eine Abteilung nur mit deutsch-
sprachigen Büchern. Falls es in der Richtung irgendwelche Probleme gebe.
Und dann schenkt er mir noch einen Text-Bild-band zur "Moravská Zemská
Knihovna", mit einem schelmischen Lächeln und der Bemerkung, er hoffe,
ich habe noch etwas Platz in meinem Auto. Leider sei das Buch nur auf
Tschechisch, aber er gehe davon aus, daß alle fünf deutschen Stipendiaten
nach ihrem Monat Aufenthalt bei ihm und in der Stadt eh perfekt tschechisch
könnten. Wir müssen beide lachen. Der Mann gefällt mir. Das ist genau die
Art von Humor, die ich liebe. 

Was ich ihm nicht erzählt habe, daß meine im Auto mitgenommene Hand-
bibliothek eine ganz ausgefallene ist. Fast nur Bücher über die Resl von Kon-
nersreuth. Ich glaube kaum, daß er mir da hätte aushelfen können. Obwohl:
Irgendwie herrscht in dieser Stadt schon auch ein - vielleicht von alters her
rührendes - klerikales Klima. Mit all den Klöstern und Kirchen. Es wird sich
zeigen, ob das förderlich ist für mein Schreibvorhaben, das ich eigentlich
mit hierher nach Brünn gebracht habe. Auch aus der schlichten Notwendig-
keit heraus, daß es sich um eine Auftragsarbeit handelt, die fertig werden muß.
Es geht um das Stück über die Resl von Konnersreuth. Und über den Stumm-
film, den Max Reinhardt über sie drehen wollte. Er hatte bereits einen Dreh-
buchautor dafür - Hugo von Hofmannsthal - und eine Hauptdarstellerin auch:
Lillian Gish, Stummfilmstar aus Hollywood. Die habe ich also alle mit im
Gepäck dabei. Und denke, denen würde es hier auch gefallen. Sehr sogar.
Max Reinhardt hat ja in jedem Ort sofort seine Kulissenhaftigkeit erkannt.
Und da wäre er hier in Brünn sicher auch fündig geworden.



05 10
raubtiere

Bin gestern noch unter die Raubtiere geraten. Die streifen nämlich hier auch
durch die Stadt und tun einem nicht den Gefallen stillzustehen wie die Gruppe
Jaguare vor einer Galerie nahe dem
Šilingrovo Náměstí. Den, den ich meine, der
konnte Fersengeld geben, daß kein Hinterherkommen mehr war. Er griff nach
meinem Rucksack, der auf dem Stuhl neben mir lag, während ich über mein
Essen gebeugt am
Náměstí Svobody saß, und rannte die Koližná hinauf. Er
hatte sogar noch Zeit, sich umzudrehen, zu schauen, ob ich nachkomme und
zu grinsen. Denn selbstverständlich schaffte ich es nicht, obwohl ich sofort
aufgesprungen war. Das sind die Situationen, wo man merkt, man ist keine
dreißig mehr. Und er, der junge Kerl, war sich seiner Sache mit einer un-
glaublichen Dreistigkeit sicher, denn das Ganze spielte sich 50 Meter von
der Polizeistation am Platz ab, wahrscheinlich aufgezeichnet von deren
Überwachungskameras.

Das jedenfalls bestätigte der sehr junge Polizeibeamte. Ein junges Pärchen,
das alles beobachtet hatte, begleitet mich dorthin. Sie waren unheimlich
nett und haben sich rührend um mich gekümmert. Er, der junge Mann des
Pärchens, versuchte die ganze Zeit, mit seinem Smartphone mein Tablet
zu orten, das in dem Rucksack gewesen war ... leider erfolglos, ich hab in
der Aufregung meine Registrierungsdaten nicht richtig zusammengebracht.
Der Polizist nahm in aller Ruhe ein Protokoll auf. Das Übliche halt. Namen,
Adresse, Beruf ... ich antwortete "spisovatel", ein Fundstück aus meinem arm-
seligen Wortschatz. Es verursacht aber immer wieder ein erstauntes Auf-
schauen. Es bedeutet nämlich "Schriftsteller". Das junge Pärchen meinte
gleich "nice to meet you. Are you famous?" Der Polizist wollte wissen, was
im Rucksack war. Das Tablet vor allem. Hätte ich sagen sollen, daß darauf
noch eine Menge unsterblicher und selbstverständlich unpublizierter Werke
gespeichert sind? Hätte das seinen Eifer womöglich befeuert? Ob noch
etwas drin war? Ein Buch. Was für ein Buch? Ich schmunzelte und sagte,
weil ich mir sicher war, wieder einen Treffer zu landen: ein Gedichtband
von Ivan Blatný. Nicht die geringste Reaktion bei den dreien. Ich sagte, das
sei einer der größten Lyriker Tschechiens und überdies hier in Brünn ge-
boren. Es wurde mit der  freundlichsten "Macht ja nichts"-Attitüde aufge-
nommen. Der junge Mann des Pärchens fragte mich dann noch, was ich
so schreibe. Ich erzählte es ihm. Und daß darunter ein Stück über Bohumil
 Hrabal sei, das demnächst in Prag aufgeführt werde. Jetzt aber!  Wenig-
stens jetzt mußte doch etwas passieren. Wieder dreifaches müdes Schul-
terzucken. Den Namen Hrabal hätten sie noch nie gehört. Aber dennoch:
Es waren sehr, sehr nette junge Leute. Kann man wirklich nichts sagen.
Wir verabschiedeten uns herzlich. Auch vom Polizisten. Die Chance, mein
Tablet wiederzusehen, taxiere er ... naja, er winkte ab.



06 10
militärparade

Erwin Aschenbrenner, der mir noch in der Nacht gutes Info-Material zu Brünn
schickt - er hat mit seinen "BöhmenReisen" natürlich auch bereits Brünn-
Trips gemacht, wozu es jeweils ein dickes Vorbereitungs-Lesebuch gab -, er
also meint, daß auch er finde, daß es schwierig werden dürfte, ausgerech-
net so etwas wie mein Resl-von-Konnersreuth-Stück in einer Stadt wie
Brünn zu schreiben, die doch als Metropole der Avantgarde gelten kann.
Stimmt! Und auch wieder nicht. Heute nämlich erlebe ich Brünn als das Epi-
zentrum der Nostalgie, als die Mutter aller Erinnerungsschlachten. Im so-
genannten Denis Garden, einem Park, von dem aus man einen wunderbaren
Blick auf den südlichen Teil der Stadt, aber auch die Spielberg-Festung hat,
findet heute ein spektakuläres ... ja, wie sagt man da? Veteranentreffen stimmt
ja nicht, weil sie waren ja selber nicht mehr dabei. Kostümfest? Jedenfalls ein
Aufzug historischer Uniformen statt, die alle aus der Zeit der napoleonischen Krie-
ge stammen. Nicht weit von Brünn fand ja die Schlacht von Austerlitz statt,
sie wurde 2015 von ca. 2000 Laien nachgespielt, vielleicht waren die ja
auch mit dabei. Heute jedenfalls lassen sie es wortwörtlich krachen, schießen
mehrfach Salut und legen Kränze nieder am Obelisken des Parks, auf dem
Kaiser Franz I. namentlich verewigt ist, gepriesen als  der "Befreyer, Wieder-
hersteller, Vater des Vaterlandes". Damit ist gemeint, daß er die napoleo-
nischen Kriege beendete, eher am Verhandlungstisch als auf dem Schlacht-
feld, und das wird vor allem die Brünner damals gefreut haben, man liest
von fürchterlichen Zuständen in der Stadt während der Austerlitzschlacht,
als alle Verwundeten hierher gebracht wurden.

Es ist ein eigenartiges Schauspiel, das Brünn für den heutigen Mittag noch
einmal in die alten Habsburgerzeiten eintunkt. Alle erdenklichen Kronlän-
der - Mährer, Krawoten und Schlesier - marschieren hier noch einmal mit
ihren Abordnungen auf, "treu der Heimat" kann man auf Standarten-
wimpeln lesen und dann zieht man los durch die ganze Stadt, mit Blas-
musik und Trommelwirbel.  Am Freiheitsplatz kommt es zu einer eigen-
artigen Überblendung. Dort findet nämlich gerade das "Sweet-Dreams-
Festival" statt, kleine Verkaufsbuden, eine Bühne für Musiker, ein über-
gebliebener Woodstock-Typ - ich glaube, hier darf man schon noch von
Veteranentreffen reden - schrubbt gerade einen Bob-Dylan-Song auf der
Gitarre. Währenddessen marschiert der 1805er-Zug gerade die 
Rašínova her-
unter und es kommt zu einem bemerkenswerten Akustik-Battle. Die
einen trommeln Marschrhythmen, der andere spielt - was angesichts der
vielen Soldatenuniformen passend erscheint - "Knocking on heavens door".




07 10
skacel brunnen

Ich kehre noch einmal zurück zum Ort des Verbrechens. Ist aber auch einer
der pulsierenden Plätze der Stadt:
der Náměstí Svobody/Freiheitsplatz. Mit
einem sehr schönen Brunnen, um den herum Verszeilen aus einem Gedicht
von Jan Skácel in konzentrischen Metallringen liegen. Ich setze mich wieder
in dasselbe Café wie am Freitag, der Kellner erkennt mich gleich. Er fragt,
was bei der Polizei herausgekommen sei. Wir kommen ins Gespräch.  Auch
er wieder ausgesprochen freundlich und teilnehmend. Ich glaube ihm, wenn
er sagt, daß ihm das Ganze "bad feelings" mache. Allen, denen ich die Ge-
schichte erzählt habe, den Leuten vom Organisationsteam, waren schockiert.
Einen solches Licht wollen sie nicht auf ihre Stadt fallen sehen. Der Kellner, der
ebenfalls alles beobachtet hat, sagt, er habe noch überlegt, ob er dem Dieb
hinterher sprinten solle, aber er hatte schon einen zu großen Vorsprung. Und
auch er beteuert wieder: So etwas passiere hier normalerweise nicht. Ich
schaue mich um: Es liegen ungefähr ein Dutzend Taschen und Rucksäcke
neben ihren Besitzern auf den leeren Nachbarstühlen. Der nette Kellner schaut
mich an und meint, "you know, you are old ...", und das sei wohl der Grund,
warum der Dieb mich ausgesucht habe. Naja, so hätte er es jetzt auch nicht
unbedingt sagen brauchen. Aber er hat ja recht.

In dieser Stadt kann man sich wirklich schnell und leicht alt fühlen. Hier sind
alle so jung. Obwohl: in manchen Parkanlagen oder auch am Krautmarkt
hinter manchem der Gemüse-Verkaufsstände - auch im Supermarkt, in
dem ich täglich einkaufe -, habe ich schon runzeligere Gesichter gesehen.
Und freilich gibt's auch unter den vielen jungen, dynamisch Dahinstreben-
den welche, denen siehst du ihr Gestrandetsein an. Da fällt mir wieder Jan
Skácel ein, den ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann.  Eines seiner
Feuilletons heißt: "Kleine Rezension über die Suche nach dem örtlichen
Säufer".  Es beginnt mit dem Satz:  "Es werden euch keine Bücher helfen,
keine Zeitungen, das Fernsehen schon gar nicht, nichts zu machen, wenn
ihr eine fremde Stadt kennenlernen, begreifen und verstehen, wenn ihr
sie kennen wollt, dann müßt ihr euch auf einen langen und kostspieligen
Weg machen und ihn suchen." "Ihn" ist natürlich der örtliche Säufer. Das
sei ein "wissender Mann", jedem Baedeker überlegen, schreibt Skácel, je-
mand, der ein ehrenvolles, gleichzeitig aber schmerzliches Amt auszufül-
len habe, eben das des örtlichen Säufers. Ich hab schon eine Ahnung, wo
in Brünn jene Plätze sein könnten, wo er sich versteckt.



08 10
tuckova

Meine erste Frage an
Kateřina Tučková, nachdem wir uns im Soul Bistro
im ehemaligen Gebäude des Tschechischen Fernsehens in der Jezuitská
niedergesetzt haben, ist die nach dem Ausgang der gestrigen Wahlen zum
Brünner Stadtrat. Kein guter Einstieg. Ihr Gesicht verdüstert sich schlag-
artig. Ob sich was gravierend ändern wird, hake ich nach, weil sie erst
einmal schweigt. Allerdings! Die eher fortschrittlichen, alternativen, kultur-
affinen Parteien, die zum Beispiel das von ihr mitorganisierte Festival
"Meeting Brno" die letzten Jahre unterstützten, haben alle den Sprung ins
Parlament nicht geschafft. Krebsen irgendwo  bei vier Prozent herum.
Katka ist ärgerlich. Wieso habe man sich nicht auf eine gemeinsame Liste
verständigen können, dann wären wenigstens ein paar Abgeordnete drinnen.
Das kommt mir bekannt vor. Daß sich das eher linke Spektrum der Po-
litik gerne mal aller Einflußmöglichkeiten beraubt, weil man schön Sektie-
rertum betreibt und Zusammenarbeit möglichst von vorneherein aus-
schließt. Ich erzähle ihr ein bißchen von der anstehenden Bayernwahl
am nächsten Sonntag und was wohl passieren wird, wenn rein
rechnerisch eine Mehrparteien-Regierung jenseits der CSU möglich wäre.
Dann können wir ja mal die Probe aufs Exempel machen.

Schnell verlassen wir das Feld der Politik wieder. Erzählen uns, an was
wir arbeiten. Katka wird eine von fünf Stipendiat*innen sein, die nach
Leipzig gehen, der November ist ihr Monat. Was sie denn an Arbeit mit-
nehmen wird, frage ich. Die 800 Seiten Erstfassung ihres neuen Romans.
Die gehören überarbeitet und vor allem eingedampft, sagt sie. Was ist
das Thema? Wieder außergewöhnliche Frauenschicksale. Das zieht sich
bei ihr als roter Faden durch. In ihrem ersten Roman, "Die Vertreibung
der Gerta Schnirch" (noch nicht ins Deutsche übersetzt), war es das Schick-
sal einer aus einer deutsch-tschechischen Mischehe stammenden Frau,
die den Brünner Todesmarsch mitmachen mußte, mit einer wenige Monate
alten Tochter in den Armen. Weil sie das Ziel aber, die österreichische Grenze,
nicht erreichte, wurde sie in Südmähren zur Zwangsarbeit gezwungen. Spä-
ter durfte sie zurück nach Brünn, das nun nicht mehr ihre Heimatstadt war.
Ihr zumindest von der Mutterseite herrührender deutscher Biographie-An-
teil sollte nämlich tunlichst verborgen bleiben, wollte man keine Drangsa-
lierungen erleben. Das Ganze fußt auf authentischen Schicksalen, versichert
mir Katka.

In ihrem zweiten Roman, "Das Vermächtnis der Göttinnen", der auch auf
deutsch vorliegt, geht es um "Weise Frauen" und Heilerinnen aus
den Karpaten, die - als Art moderne Hexen verfolgt - unter den Kommu-
nisten Furchtbares zu erleiden hatten. Und auch der neue Roman, so deu-
tet sie mir an, handele wieder von ganz außergewöhnlichen Frauen. Wäh-
rend der Kommunistenherrschaft habe nämlich in Brünn eine Art ka-
tholische Untergrundkirche gewirkt, in der es - aus Mangel an geweihten
männlichen Priesten - auch Frauen gegeben habe, die das Priesteramt
ausgeführt hätten, offenbar geduldet von der Amtskirche. Hatte man
auf diese Art und Weise doch zumindest einen Stachel im Fleisch der roten
Atheisten stecken. Nach der Wende wurden diese Frauen von der Kirche
nicht mehr anerkannt. Katka hat für diese Arbeit wieder viel in Archiven
recherchiert, auch in denen der Geheimpolizei. Die einzigen, die ihr kei-
nen Einblick in ihre Akten gewährten, waren die Kirchengewaltigen.

Wie es da paßt, daß ich ihr von meinem Resl-von-Konnersreuth-Pro-
jekt erzählen kann. Sie horcht sichtlich auf. Das wäre ein Stoff auch
ganz nach ihren Interessen, habe ich den Eindruck. Jedenfalls fragt
sie intensiv nach. Wir stellen fest, daß uns anscheinend ähnliche The-
menfelder inspirieren. Und uns ein ähnliches Interesse anspornt, nämlich
eines, das gar nicht in erster Linie religiös oder gar irgendwie esoterisch
motiviert ist, sondern rein davon aufzuzeigen, wie in ganz bestimmten
historischen Situationen Menschen sich verhalten, welche Ideologien,
Glaubensgrundsätze und Weltbilder sie dabei antreiben. - Wir verabreden
uns für ein zweites Gespräch gegen Ende meiner Zeit hier in Brünn. Möch-
te ja noch ein Interview mit ihr aufnehmen, vielleicht läßt sich über die-
sen Brünn-Aufenthalt etwas für den BR machen. Jetzt  muß Katka erst
einmal nach Prag, denn sie, die gebürtige Brünnerin, lebt schon seit ein
paar Jahren an der Moldau und nicht mehr in Mähren. Sollte sie fragen,
warum.



09 10
aktivplastik

Gestern zeigte mir Katka noch auf dem Stadtplan, wo Ivan Blatný geboren
und aufgewachsen ist. Nämlich quasi gleich ums Eck von meiner Wohnung.
Ich müsse nur links die Gorkého hinuntergehen, bis zum ehemaligen Ge-
treidemarkt, Obilní trh. Dort gebe es auch schöne Bierkneipen, mehr so Typ
Intellektuellentreff, weil in den Straßenzügen dort seien auch viele Uni-Ge-
bäude zu finden. Sie jedenfalls habe viel Zeit dort während ihres Studiums
verbracht.

An der Einmündung zur Gorkého hängt eine Boa constrictor über den Geh-
steig (siehe Foto). Jedenfalls hätte das Vladimír Boudník , Bohumil Hrabals
verrückte Künstler- und Graphiker-Freund, sicher so gesehen. Wer mehr zu
ihm wissen will, sollte Hrabals "Sanfte Barbaren" lesen, eine seiner bewegend-
sten tragikomischen Erzählungen. Dieser Boudík war irgendwie vom selben
Geiste wie Blatný. Mir "normalen" Maßstäben gemessen, müßte man sagen:
des selben verwirrten Geistes.  Man könnte aber auch sagen: des überspru-
delnd kreativen Geistes. Blatný hat sich ja tatsächlich hinter die Mauern
wechselnder Irrenanstalten zurückgezogen. Und zwar in England. Dorthin
war er 1948 mit einer Schriftstellerdelegation gelangt, von der er sich absetzte,
um nicht mehr zurück in die immer mehr in den Griff der kommunistischen
Partei geratende Tschechoslowakei zu müssen. In England glaubte er sich
schließlich von der Geheimpolizei verfolgt. Als einzig sicherer Zufluchtsort
erschien ihm das Irrenhaus.

Als junger Mann und in seiner Brünner Heimat war er ein hoffnungsvoll auf-
strebender Lyriker gewesen. In seinem eher noch konventionell anmutenden
Frühwerk kommen immer wieder die Brünner Straßen und Viertel vor, in
viel Herbstnebel und Nieselregen getaucht. Später, in der Anstalt, veränderte
sich sein Schreiben. Es wurde zu einer Art "ecriture automatique", er schrieb
einfach alles auf, was ihm durch den Kopf schoß, scheinbar zusammen-
hangslos, wild auch zwischen den Sprachen Tschechisch, Englisch und Deutsch
hin- und herspringende. Tausende von Zetteln kritzelte er auf diese Art und
Weise voll, die er in seine ausgebeulten Hosen- und Jackentaschen zusam-
men mit Zigaretten und Schokolade stopfte. Jahrelang entsorgten die Wärter
das Zeug in den Müll. Bis eine Krankenschwester auftauchte, den Wert
dieser Notate erkannte, sie aufhob, sammelte und schließlich dem tschechi-
schen Exilverlag "68 publishers" im kanadischen Toronto schickte. Anfang
der 1950er Jahre war Blatný in der Tschechoslowakei für tot erklärt worden,
so gut hatte sein Versteck ihn verborgen. Bald war es, als hätte er nie existiert.
Nach der Wende entdeckte man auch in Tschechien sein Werk, heute gilt er
als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Kateřina Tučková hat mich darauf aufmerksam gemacht, es gebe einen Mann
in der Stadt, der wisse alles über Blatný. Er habe ihn noch vor seinem Tod in
England im Irrenhaus besucht und einen 600seitigen Roman über ihn geschrie-
ben. Sein Name ist Martin Reiner. Er hat für den Brünner Stadtrat kandidiert,
erreichte aber nicht ausreichend Stimmen, um ins Parlament einzuziehen.
Jetzt müsse er eigentlich wieder Zeit haben, um sich eventuell mit mir zu tref-
fen, meint Katka.




10 10
marecek

Ich glaube, es gibt kein Haus in der Stadt, von dem Dr. Zeněk Mareček nicht
wie aus der Pistole geschossen zu sagen wüßte, welcher Architekt es gebaut,
welche berühmte Persönlichkeit darin gewohnt  und welche weitere Zelebri-
tät in welchem Jahr zu welcher Stunde daran vorbeigegangen ist. Ich über-
treibe. Aber nur unwesentlich. Dieser Mann ist ein wandelndes Lexikon, dem
mein grenzenloses Staunen gehört. Es sind zwar "nur" ein paar wenige Straßen-
züge rund um die Masaryk-Universität, die ich mit ihm mitwandeln darf, wir sind
knappe zwei Stunden unterwegs, aber was sich allein da an Geschichten, Querbe-
zügen, Echolotungen in die Vergangenheit ergibt, ist für mich atemberaubend.
So weiß ich nun zum Beispiel, daß meine schon zur Routine gewordene Morgen-
übung, nämlich nach dem Aufstehen als erstes einen Blick auf den Park zu Füßen
meiner Dachwohnung zu werfen, wohl von Robert Musil geteilt wurde, "er
wohnte da drüben", sagt Dr. 
Mareček und zeigt auf die gegenüberliegende Hof-
seite, "bei seinen Eltern, während er an der technsichen Universität studierte.
Ein paar Häuser von früher stehen zwar nicht mehr, aber der Park ist noch immer
derselbe. Musil sah dieselben Bäume wie Sie."

Und so geht das in einer Tour weiter. Gleich schräg gegenüber vom Haus, in dem
Musils Eltern lebten, wohnte Karel Čapek als junger Mann. Dort, wo Ivan Blatný
Tag für Tag auf den Getreidemarkt hinaussah, ist natürlich auch eine Gedenktafel
angebracht, ich wußte gestern nur noch nichts davon und habe sie deshalb nicht
gefunden. Was alleine über den Campus der Universität wiederzugeben wäre ...
am besten hat mir das Detail gefallen, daß das schöne alte Gebäude, das neben
der neuen Bibliothek und anderen Bauteilen steht, einst ein Waisenhaus war
und jetzt die Philosophische Fakultät beherbergt. Genau! Die Philosophen gehö-
ren ins Waisenhaus und die Dichter in die Irrenanstalt. Anschließend ist auf der Welt
wieder schön aufgeräumt.

Zusammengekommen bin ich mit Herrn Dr. 
Mareček, weil er mich zu einer Lesung
vor seinen Deutschstudenten eingeladen hat. Anschließend sind wir noch zum Essen
gegangen, angeschlossen hat sich uns Dr. Magdalena Havlová, 
ebenfalls Dozentin
am Germanistischen Lehrstuhl , und zwar für Dolmetschen und Übersetzungen, sie
selber arbeitet auch auf diesem Gebiet.  Da ging es dann im munteren Hopping über
die Themeninseln Politik, Literatur, Geschichte der Deutschen in Brünn, dem Wandel
bei unseren Vertriebenenverbänden und noch manches mehr. Das muß ich erst ein-
mal alles sacken lassen. Und auf manches davon, habe ich der schweren Verdacht,
werde ich noch das ein und andere Mal zurückkommen. Es sind ja noch 21 Tage,
sprich drei Wochen auch hier in diesem Blog zu bestreiten.



11 10
krautmarkt

Ich habe die zuverläßlichste Methode herausgefunden, wie man mit den Leuten hier
schnell und unkompliziert ins Gespräch kommt. Meist werde ich direkt in Tschechisch
angesprochen, anscheinend sieht man mir mein Von-weit-Herkommen nicht gleich an.
Ich habe mir für diesen Fall eine kurze Entgegnung zurechtgelegt. Sie lautet: "Nemluvim

česky". Ich spreche kein Tschechisch. Damit ist der Fall geritzt. Nun ergießt sich näm-
lich erst recht ein Redeschwall meines Gesprächspartners über mich ... natürlich in
Tschechisch. Das  finde ich nett, daß man mich anscheinend nur für bescheiden hält,
nicht aber für beschränkt. Gut, er sagt, daß er kein Tschechisch spricht, aber das wollen
wir mal nicht so ernst nehmen. Oder sie machen einen feinen Unterschied. Gut, er sagt,
er spricht kein Tschechisch, aber verstehen wird er es wohl. Wahrscheinlich habe ich auch,
Näheres nicht bedenkend, in den Erklärungsredefluß, der mir entgegenkommt, ab und zu
ein "ano" einfließen zu lassen ... "ja". Noch wirkungsvoller ist "rozumim": "ich verstehe".
Dann hören die anderen gar nicht mehr auf. Jedenfalls, man kann auf diese Art und
Weise ganz nette Unterhaltungen führen und irgendwie kriegt man dabei schon heraus,
um was es geht.

So neulich im Supermarkt. Ich steure im Eingangsbereich auf den Automaten zu, den
man am besten mit Flaschenleergut füttert. Ich sehe schon von weitem: Er hat seine
Vordertür aufgeklappt und zeigt seine mechanischen und elektronischen Innereien her.
Ein etwas nachlässig gekleideter älterer Herr mit Stoppelbart sagt etwas zu mir. Ich
antworte: "Nemluvim
česky". Ha, da komme ich gerade an den Rechten. Nun fängt
er erst richtig an, mich aufzuklären. Ich verstehe etwas von "minuty", recht viel mehr
aber auch nicht und kann mir trotzdem zusammenreimen: Der Apparat ist kurzzeitig
außer Betrieb. Es dauert aber nicht lange. In ein paar Minuten geht er wieder. Am
Ende, weil ich mich gelehrig zeige (mehrfaches devotes "ano, ano"), lächelt er sogar.
Und war am Anfang noch sooo grimmig.

Ich hielt ihn ja für so etwas wie einen gelangweilten Rentner, der im Eingangsbereich
des Supermarktes eigenmächtig nach dem Rechten und der Ordnung sieht. Ich be-
merkte, daß er Einkaufskörbe einsammelte und zu Stapeln aufschlichtete. Als ich
ihn dann mal mit einer Kassiererin reden sah, wuchs in mir der Verdacht, er könnte
vielleicht der Filialleiter sein. Oder gar der Besitzer. Mittlerweile kennen wir uns
schon und grüßen uns. Selbstverständlich in fließendem Tschechisch.



12 10
krokodile

Warum, zum Henker, hängt vom Gewölbe der Torhalle unter dem alten Brün-
ner Rathausturm ein Krokodil  von der Decke? Irgendwie haben es die Tsche-
chen mit den exotischen Tieren. Pilsen führt ein Kamel im Wappen. Ob es
das Fernweh dieses kleinen Volkes in seinem kleinen Land ist, das es auf solche
Ideen kommen läßt? Sie sagen ja auch laufend zur Begrüßung und Verabschiedung
"Ahoj", ganz so als wollten sie sich damit selber einreden, sie besäßen eine
maritime Flotte und seien in Wahrheit allesamt Seefahrer. Hallo, ich tu's ja nicht
gerne, aber ich muß euch erinnern: Böhmen liegt gar nicht am Meer. Jetzt
werdet ihr behaupten: Aber mindestens  im Mississippi- oder meinetwegen
auch im Nil-Delta, woher käme sonst bittä-scheen das Krokodil im Brünner
Rathaus.

Vom ungarischen König Matthias II. Der hat das ausgestopfte Tier den Brünner
nämlich 1608 zum Geschenk gemacht. Wohl um die mährischen Stände sich
gewogen zu machen und auf seine Seite zu ziehen. Er lag nämlich im Clinch mit
seinem Bruder Rudolf II. , der als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deut-
scher Nation seinen Hofstaat in Wien zusammengepackt hatte, nach Prag um-
gezogen war und sich seither auf dem Hradschin verbarrikadierte.  Dort oben
pflegte er am liebsten bloß noch Umgang mit Astrologen und Alchemisten wie
Tycho Brahe und John Dee, mit Künstlern wie Arcimboldo und Gottsuchern wie
Rabbi Löw. Feldherren und Fürstenberater konnten ihm gestohlen bleiben. Mit
dem Endergebnis: Bruder Matthias marschierte einfach mit Reitern und Lands-
knechten in Prag ein, setzte seinen Bruder ab und machte sich selber zum Kai-
ser. Und damit höre ich auch schon auf mit dem kleinen historischen Exkurs. Er
ist mir nur deshalb gerade so präsent und nah, weil der narrische Kaiser auf
dem Prager Hradschin in meinem nächsten Roman keine unwesentliche Rolle
spielen wird.

Gut, das sind alles alte Geschichte. Man könnte aber auch sagen: Das Krokodil
hängt im Brünner Rathaus, weil es absolut keinen Grund gíbt, es abzuhängen,
die Kommunalpolitik ähnelt nämlich noch immer einem einzigen Bestienpfuhl.
Zu dem Eindruck gelangte ich vorgestern bei meinem Mittagsgespräch mit Frau
Halová und Herrn Dr. Mareček. Vor allem die Übersetzerin geriet sichtlich in
Rage und stieß einige gar nicht freundliche Charakterisierungen der Brünner aus.
Gemeint hat sie aber eigentlich vor allem die Lokalpolitiker. Die, ihrer Erzählung
nach, leisteten sich aber auch wirklich ein ziemliches Schurkenstück. Da gibt es
den bis vor kurzem noch amtierenden Bürgermeister Petr Vokřál. Der sei zwar
von der ihr gar nicht sympathischen "Oligarchen-Partei" Ano, aber als Bürger-
meister sei er durchaus in Ordnung gewesen. Zwar habe seine Partei jetzt bei
der Wahl ordentlich verloren, stärkste Fraktion sei sie aber geblieben. Und
hätte mit der zweitstärksten Partei, der ODS, eigentlich eine Koalition machen
wollen. Die Pressekonferenz, auf der das gemeinsam bekannt gegeben werden
sollte, war für den vergangenen Donnerstag angesetzt gewesen.

Donnerstag früh, so Frau Havlová, soll nun der gute Herr
Vokřál wahrscheinlich
vom Morgen-Fernsehen, ohne einen Funken Ahnung davon gehabt zu haben,
darüber informiert worden sein, daß die Spitzenkandidatin von ODS heimlich
eine Koalition aus ihrer eigenen Partei, der christdemokratischen
KDU-ČSL, der
sozialdemokratischen
ČSSD sowie den Piraten geschmiedet und sich ganz einfach
selber auf den Primatorsessel plaziert habe. Markéta 
Vaňková  wird die neue Erste
Bürgermeisterin von Brünn sein, und ist, wenn man Frau Havlová glaubt (die
von sich sagt, sie sei eine unbedingte Feministin), eh bloß eine Marionette
der männlichen Strippenzieher dieser plötzlich aufgetauchten Viererkoalition. - Wa-
rum nur, noch mal zum Henker, fällt mir jetzt der Name Ilse Aigner ein und drän-
gen sich mir dauernd Parallelen zur übermorgen stattfindenden Bayernwahl auf?



13 10
kasematten

Die Kasematten der "Vöstung Spilberg" - so die Schreibung in alten Dokumen-
ten - sind eines der touristischen Highlights der Stadt. In den weitläufigen, sich
auf zwei Stockwerken erstreckenden Gewölbegängen kann man sich so herr-
lich gruseln, zumal wenn man auf "Installationen" trifft wie eine nachgestellte
Folterkammer, in der auf einer Streckleiter einer menschlichen Puppe gerade
die Schultergelenke ausgekugelt werden. Wenigstens das Info-Blatt, das man
auf Wunsch auch in deutscher Sprache ausgehändigt bekommt, bleibt bei
Wahr- und Nüchternheit: In den Kasematten wurde überhaupt nie gefoltert und
auch sonst ist manches stark übertrieben. "Die Gerüchte des Ankettens der
Häftlinge an das 'Rattenloch' sind ein ausgesprochenes Hirngespinst aus spä-
terer Zeit", liest man zum Beispiel in dem Faltbaltt.

Wahr allerdings ist, daß unter Kaiser Joseph II. die ursprünglich als militärische
Depots errichteten Gewölbe zum Gefängnis für Schwerstverbrecher umfunk-
tioniert wurden. Schon wieder nicht mehr wahr, muß ich mich belehren lassen,
ist, daß Franz Freiherr von der Trenck auch in einem solchen tageslichtlosen Rat-
tenloch festgehalten wurde, wo es lange, grob gezimmerte Holzpritschen gab,
die für mehr als 20 Mann als Nachtlager dienen mußten. Trenck war in einem
ebenerdigen Gefängnisgebäude im Hinteren Graben inhaftiert, längst wurde es
abgerissen und man erkennt nur mehr die Grundrisse. Er hatte hier genügend
Platz, sogar einen Bediensteten, bekam täglich einen Dukaten ausgezahlt und
speiste zusammen mit dem Festungskommandanten. Eigenartig muß uns
heute das alles vorkommen. Diese seltsamen Ehrenkodizes. Der Mann war ur-
sprünglich zum Tode verurteilt worden, weil er sich - selbst für die völlig anderen
Maßstäbe der damaligen Zeit - man könnte sagen als Kriegsverbrecher aufgeführt
hat, mit großer Grausamkeit gerade gegen die Zivilbevölkerung. Alle militärischen
Dienstgrade wurden ihm aberkannt und eigentlich hätte er füsiliert werden sollen.
Doch Kaiserin Maria Theresia begnadigte ihn zu dieser Spielberger Festungshaft
mit den gerade eben genannten Annehmlichkeiten. Seine militärischen Taten
zu ihren Gunsten im Spanischen Erbfolgekrieg dankte sie ihm halt doch ... zivile
Opfer hin oder her.

Und so führte dieser Freiherr das Leben eines frühen Karadžić oder General Mladi
ć,
nur eben nicht vor einem Den Haager Völkergericht, sondern in seinem recht
kommoden Brünner Arrest. Auch sein Vermögen blieb unangestastet und wurde
ihm nicht etwa  abgenommen. Er konnte daraus, weil ihn dann anscheinend doch
irgendwelche Skrupel plagten, die Stadt Cham, die er Jahre zuvor noch gebrand-
schatzt hatte, ebenso großzügig bedenken wie die Kapuziner-Mönche, unten in
der Brünner Altstadt. Schließlich wollte er dort einmal beigesetzt werden und
dann sollten ihm bittschön auch Seelenmessen gelesen werden. Genauso ist es
dann auch gekommen, und die Mumie des Freiherrn liegt noch immer in der Ka-
puzinergruft, aufgebahrt unter einem gläsernen Schrein. Auch dort werde ich wohl
die kommenden Tage noch einmal vorbeischauen müssen.



14 10
speisekarte

Heute ist es also so weit: Wahl in Bayern. Ich muß sagen, ich fiebere schon
sehr mit. Und die Tschechen zeigen offensichtlich auch Anteilnahme, denn
hat doch nicht "meine" Kneipe, die "Pivnice u Čapa", wo ich jetzt schon ein
paar Mal mein Abendbier getrunken habe, sie liegt nur eine Straßenecke von
meiner Wohnung entfernt, ausgerechnet jetzt "bayerische Wochen" auf
dem Programm. Sogar Wollwürschte gibt es, in welcher bayerischen Wirt-
sschaft findet man die noch auf der Speisekarte? Doch mein Blick wandert
weiter noch unten. Und was muß ich da sehen: "Königsberger Klopse".
Ich glaub, mein Spanferkel pfeift. KÖNIGSBERGER KLOPSE als besondere
bayerische Spezialität. Wer hat den Tschechen denn diese Blödsinn ver-
zapft?

Wahrscheinlich dieselben, die jetzt die ganze bayerische Wahl vermasseln.
Edmund Stoiber hatte eben doch recht, als er die letzten Tage noch auf
die wahre Mutter aller Probleme hinwies ... wir wissen doch, es ist die Migra-
tion. Weil eben so viele Preiß'n nach Bayern gezogen sind und die über-
haupt keinen blassen Schimmer haben, was CSU in Bayern bedeutet, des-
halb wird es mit dieser Partei nun endgültig bergab gehen. Und das sind
wahrscheinlich dieselben Leute, denen es gelungen ist, Dinge wie "Königs-
berger Klopse" und Labskaus auf den bayerischen Speisezettel einsickern
zu lassen. Oh, heiliger Franz-Josef hilf!

Eine Obergrenze wie Preiß'n-Zuzug, das hätte der Horst einmal fordern
sollen. Damit diese Herrschaft der unrechten Geschmacksverirrung ein
Ende hat. Und Ankerzentren sollte man lieber in Aschaffenburg errichten,
in denen alle Einwanderungswilligen solange festgehalten werden, bis
sie im Schlaf sämtliche Paretivorsitzenden und Ministerpräsidenten der
CSU herunterleiern können und auch bei Androhung von Waterboarding
nicht mehr von ihrer Grundüberzeugung abzubringen sind, einzig und
allein bis ans Ende ihrer Tage CSU zu wählen. Sakradi, muß man sich da
aber auch aufregen, selbst im schönen Brünn. Darauf jetzt eine Schweins-
hax'n im "U
Čapa" und mindestens drei Halbe Bier. Leider kein Augustiner,
man kann nicht alles haben.



15 10
krypta

He Tod, warum hast du so ein schiefes Maul? - Damit ich dich besser an-
grinsen kann. Du gehörst nämlich mir. - Ah geh. - Jaa, schau dich doch mal
um. Mir gehören alle. Da wird keiner übersehen und vergessen. Ja, und
so hab ich mich halt dann umgesehen, in der Krypta unter der Jakobskirche.
Und ich muß sagen: Der Tod hat recht. Die Gebeine von geschätzt
50.000 Brünnerinnen und Brünnern, Frauen, Männern und Kindern, liegen
dort aufgestapelt, und zwar fugenlos aufgestapelt, zu beklommen ma-
chenden Wänden einer finsteren Nekropole. Besonders ein Raum des
Gängelabyrinths läßt einen schaudern. Er ist wie eine Art kleine Kapelle,
dort steht auch ein Lesestehpult und die Mitte des Raumes wird domi-
niert von einer mächtigen Säule, es bräuchte wohl drei Menschen, um
sie mit den Armen zu umgreifen. Sie ist zusammengesetzt aus lauter
menschlichen Knochen, nebeneinander aufgereihte Totenschädel bilden
eine Art umlaufende Friesbänder. Die Wände ringsum auch nur gesta-
pelte Knochen. - Das Brünner Beinhaus ist übrigens das zweitgrößte in
ganz Europa nach den Pariser Katakomben.

Ja, in Brünn da haben sie auf alle Fälle schon auch was verstanden von
den Inszenierungen eines barocken Katholizismus. Da wurden Tod und
Teufel, Engel und Himmelfahrt auf die Bühne eines bildmächtigen theatrum
mundi gestellt, daß es nur so eine Schaulust, aber auch ein Schau-
Schaudern hat. Insofern: Hier paßt mein mitgenommenes Arbeits- und
Schreibthema "Resl von Konnersreuth"  durchaus gut her, und die
Seiten füllen sich ja auch und ich komme absehbar dem Ende immer
näher. Die letzten Tage erst habe ich Max Reinhardt in meinem Stück
darüber räsonnieren lassen, daß genaugenommen Theater und katho-
lische Kirche nicht nur viel miteinander zu tun haben, sondern in eins 
gesetzt werden können. Ja, es gibt ja sogar eine Rede von Reinhardt,
in der er sein Verständnis von Schauspiel und Schauspielern darlegt,
und ohne den Namen explizit zu nennen, preist er Therese Neumann
als jemanden, den sich Schauspieler zum Vorbild nehmen sollten, konn-
te sie doch allein mittels ihre Imaginationskräfte eine Realität wie die
der aufbrechenden Stigmata hervorbringen. So jedenfalls seine Erklä-
rung des Phänomens.